NS-nahe Schriftsteller
NACH dem Ende des Dritten Reichs geehrt
Ann Tizia Leitich; Verklungenes Wien – vom Biedermeier zur Jahrhundertwende, Wien 1942
Die Autorin Ann Tizia Leitich (1891 – 1976) stellt in diesem Buch eine Epoche der KuK-Metropole dar, in der Menschen jüdischer Herkunft erstaunlich viel zur Kultur und zur wirtschaftlichen Entwicklung Wiens und überhaupt der Donaumonarchie beitrugen.
In den hundert Jahren vor dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich gingen einige der brilliantesten Wiener „Köpfe“ aus jüdischen Familien der Stadt, der Donaumonarchie und auch des Zarenreichs hervor.
Leitich gibt sich die Mühe, diesen jüdischen Beitrag zur Wiener und europäischen Kultur zu verschweigen – als ob es keine Kunst- und Geistes-Helden jüdischer Abkunft wie Mahler oder Freud oder Herzl… im damaligen Wien gegeben habe. – Bei Leitich bleibt nur noch die Schmähung REICHER Juden und der von jüdischen Österreichern gegründeten und geleiteten Zeitungen.
Der antisemitische Slang wird von A. T. Leitich DEZENT gestreut, er ist aber bei genauer Lektüre sehr wohl spürbar. Da heißt es beispielsweise, dass verschiedene Hochadelige an der Ringstraße ihre Paläste „zwischen jenen von Kassenschrank- und Zündhölzchen-Fabrikanten“ errichteten. (S. 12). Die Bankiers jener Zeit (unter ihnen zahlreiche jüdische Österreicher) werden so beschrieben: „Blutegel“ und „Raubritter“, (S. 38) die „die Ärmsten ihrer Spargroschen“ beraubten. Mit im Bunde mit diesen ekligen Geschäftemachern seien „die Liberalen“ und „die Presse“ gestanden; sie hätten „das Publikum geflissentlich in den Bankrott geführt.“
Um diese Passagen (in denen das Wort „jüdisch“ nicht explizit vorkommt) richtig zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass zu den Haupt-Hass-Objekten der österreichischen Antisemiten im Kaiserreich und danach jüdische Verleger und Bankiers gehörten (Ihre „arischen“ Berufskollegen standen ihnen aber in puncto Bereicherung sicher nicht nach; was „die Presse“ in Österreich angeht, war die CHRISTLICHE Presse damals eher vorurteilsbelastet und hetzend. - Dass mit der Presse-Schelte vor allem „Jüdisches“ gemeint war, ergibt sich aus einer Passage S. 167: Da ist von der „verjudeten, vollkommen wurzellosen liberalen Zeitung“ die Rede.
Der häufig antisemitisch tönende, Ende des 19. Jahrhunderts mit hohen Stimmenzahlen in sein Amt gewählte Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger wird von Ann Tizia Leitich gefeiert als „Tribun“ der kleinen Leute, der sich um „den von Liberalen und Juden verachteten, unterdrückten ‚kleinen Mann’“ kümmerte.
Leitich feiert den Antisemitismus Luegers explizit: „Unter ihm erstarkte das Bewusstsein des Volkes, wuchs der kämpferische Antisemitismus“… Lueger kehrte „als die Verkörperung des Wiener Volksgeistes in Schmidts gotisches Rathaus ein“.
Im INTERNET-Austria-Literatur-Lexikon „AEIOU“ (also einer Publikation neuesten Datums) heißt es über die Schriftstellerin A. L. Leitich (1891-1976), sie habe eine Reihe Romane, Kinderbücher und zahlreiche Zeitungstexte verfasst, sie sei Professorin in Wien gewesen und sie habe sich „vor allem mit der Kunst- und Kulturgeschichte der Stadt Wien“ befasst. NICHTS steht bei AEIOU von dem hier zitierten schamlosen Buch aus dem Jahr 1942.
Ann Tizia Leitich erhielt 1966 die „Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien“!
Wie lange es dauerte, bis die offene Faschisierung Österreichs während der Zeit des „Anschlusses“ auch vom OFFIZIELLEN Österreich eingestanden war, das lässt sich an folgendem Vorgang erkennen:
WÄHREND der etwa sechs Jahre NS-Zeit in Österreich wurden 32 der von der Uni Wien VOR dem „Anschluss“ verliehenen akademische Grade aberkannt: Diese einstigen Studiker seien der akademischen Würde des Doktorhutes unwürdig. Ihre „Rasse“ oder ihre Parteizugehörigkeit waren missliebig.
Das Unrecht der Titel-Aberkennung wurde seitens der Uni-Leitungen erst 60 Jahre NACH dem Ende des Dritten Reichs festgestellt und zu korrigieren versucht.
Ein anderes (von vielen) Beispielen für eine hohe Ehrung NACH 45 an die Adresse eines Alt-Nazi liefert uns das Leben des Tübinger Philosophie-Professors Theodor Haering.
Er erhielt 1959 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und hatte zuvor schon, 1957, die Würde eines Ehrenbürgers der Stadt Tübingen erhalten. - Unmittelbar nach NS-Ende hatten die damaligen französischen Alliierten ihn für einige Jahre aus dem Amt entfernt und ihm die Bürgerrechte für einige Jahre aberkannt (siehe Kapitel „Sonstiges nach 45“. )
Viele solcher fatalen Ehrungen durch die Regierung des BUNDESREPUBLIK oder der Republik Österreich sind aufgeführt in dem höchst verdienten Lexikon von Ernst Klee: „Das Kulturlexikon zum Dritten Reich – Wer war was vor und nach 1945“, S. Fischer, Frankfurt, 2007. – Dass zu den dort versammelten Ehrungen für frühere Nazis NACH dem Jahr 45 noch einiges nachgetragen werden kann, wird erkennbar an den Leistungen und den Ehrungen etwa des Philosophie-Professors Haering und der Schriftstellerin und Professorin Ann Tizia Leitich.
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